Dienstag, 12. Juli 2011

Maratona dles Dolomites









Die letzten vier Tage, die das Abenteuer Dolo für mich dauerte, sind ein unvergessliches Erlebniss. Alle Eindrücke zu schildern würde den Rahmen dieser Blogseite sprengen. OK, ich versuche es in chronologischer Kurzfassung.

Für diese Veranstaltung, die dieses Jahr das 25. Jubiläum feierte, gab es über 20.000 Bewerber, von denen aber nur 9.300 zum Start zugelassen wurden. Wir Buchholzer, das sind Stephan Tiedemann, Jens Schulte und ich, konnten uns also glücklich schätzen, dabei sein zu dürfen. Möglich wurde das nur über Stephans Kontakte zu dem Münchner Jedermannteam "Liberalitas Bavarica", das mit 119 Teilnehmern gemeldet war. An dieser Stelle nochmals ganz herzlichen Dank an Roland Botzenhard, der das alles mit sehr viel Arbeit organisiert hat. Es hat viel Spass mit Euch gemacht.

Eine gemeinsame Anreise war nicht möglich, da Stephan bereits eine Woche vorher in die Schweiz gereist war und Jens noch länger dort unten bleiben will. Für mich ging es am Freitag um 5:30 bei Regen und 14°C gen Süden. Mit jeder Stunde Fahrt stieg das Thermometer und der Himmel wurde blauer. Nach 11 Stunden kam ich bei strahlend blauem Himmel und 27°C am Ziel an. Das Ziel: der Ort Colfosco in der Region Alta Badia im Herzen der Dolomiten in Südtirol, zu der noch der Startort La Villa und der Zielort Corvara gehören.

Stephan war bereits vor Ort und gemeinsam mit Roland holten wir die Startunterlagen in Corvara ab. Hört sich einfach an, war es aber nicht. Ein riesiges Gedränge an Autos, Fahrrädern und Menschen erschwerte das Ganze. Die Unterlagen bestanden aus fünf großen Umzugskartons sowie diversen Kisten Prosecco. Das alles zu sortieren und zu verteilen war für Roland und sein Team eine der vielen Aufgaben, die es zu erledigen galt.

Am Abend trafen sich circa 20 Personen zum gemeinsamen Essen. Hier lernte man sich erstmalig näher kennen und tauschte die ersten Geschichten rund ums Radeln aus. Meine Erkenntniss: im Süden wird anderst gefahren, als bei uns. Zählt bei uns hauptsächlich das Tempo und der Schnitt zählt bei den "Bayern" die Strecke und, ganz besonderst, die Höhenmeter. Typisch ein Erlebniss dieses Abends: gegen 21:00 kam ein durchgeschwitzter Radfahrer zu uns an den Tisch, natürlich vom Team Bavarica. Er war Freitag morgen am Gardasee gestartet und die 180 km per Rad angereist. Für Ihn lockeres warmfahren fürs Rennen.

Am Samstag dann gemeinsames Warmfahren. Zuerst ging es über Corvara den Campolongo hinauf auf 1875 Meter (rund 300 hm), es folgte eine schöne Abfahrt zurück um mit dem Schwung über Colfosco hoch zum Gardena Pass zu fahren, der schon 2121 Meter hoch liegt (600 hm). Oben gab es nicht nur ein leckeres Mittagessen, sondern auch herrliche Ausblicke in die Landschaft der Dolomiten. Mit vollem Bauch gings dann in die Abfahrt nach Colfosco. Abends dann die obligatorischeStärkung mit Spaghetti.

Und dann der Renntag, der sehr früh begann. Aufstehen um kurz nach vier, um in Ruhe alle notwendigen Vorbereitungen zu treffen: Sonnen- und Sitzcreme, Luft für Reifen, ausreichende Gels und Riegel, Streckenplan und und und.... Blick nach draussen: Das Wetter war super; trocken und blauer Himmel. Um 5:00 gab es von unserer Wirtin Frühstück. Um 5:30 fuhr ich zum Start nach La Villa. Da ich das erste Mal dabei war, startete ich im letzten Block und hatte rund 6000 Fahrer vor mir. Stephan war im Block vor mir und Jens irgendwo in der Masse meines Startblocks. Bereits am Start war eine tolle Atmosphäre: die ersten Sonnenstrahlen fielen auf die Gipfel der Berge, Musik aus allen Lautsprechern, Hubschrauber mit Filmkameras über uns und die Erwartungen tausender Radler in der Luft. Meine euphorische Stimmung konnte noch nicht einmal dadurch erschüttert werden, als ich feststellte, dass ich das erste Mal in 12 Jahren trotz gründlicher Vorbereitung meinen Pulsgurt vergessen hatte.

Um 6:30 ging es pünktlich los. Los war allerdings relativ; nicht wie bei den Cyclassics in 4 Sekunden auf Höchtgeschwindigkeit. Erst um 6:50 passierte ich die Startlinie und meine individuelle Zeitmessung begann. Auch dann wurde es nur unwesentlich schneller. Bis zum ersten Passo Campolongo ging es sehr schleppend voran , mehrfach standen wir sogar. Erst in der Abfahrt streckte sich das Fahrerfeld. Am Passo Pordoi (600 hm) konnte ich bereits viele hundert Fahrer überholen. Das setzte sich am Passo Sella (400 hm) und Passo Gardena (300 hm) fort. Die durchschnittliche Steigung lag bis dahin bei ca. 7%. Es war eine starke Motivation, immer weiter nach vorn zu kommen, auch wenn es mich etwas mistrauisch machte, ob ich zu schnell angefangen habe. Ich fühlte mich aber richtig gut, was auch daran lag, dass ich extra für den Dolo eine Kompaktkurbel installiert hatte und mit 34 / 28 mit lockerer Trittfrequenz von 80 bis 85 kurbeln konnte. Die Zwischenzeit in Corvara ergab für mich bereits den Platz 1094.

Kurz vor der Messung, die auch das Ende für die Fahrer der "kleine" SellaRunde bedeutete, verlor ich leider bei sehr hohem Tempo meine Satteltasche, in der ich sowohl mein Handy als auch meinen Hotelschlüssel hatte. Aber auch das konnte mich nicht wirklich belasten.

Das zweite mal ging es den Campolongo hinauf; jetzt mit viel Platz zwischenden Fahrern. Dann gab es die einzige "ruhige" Passage: 27 km bergab bis zum Fuße des Giau. Kurz vorher in Cernadoi trennten sich die Fahrer der 106 km langen, mittleren Runde; darunter auch Jens Schulte.

Ja, und dann kam er, der 2236 Meter hohe Passo Giau: 9,9 km lang, 922 Höhenmeter mit durchschnittlich 9,3 % Steigung (gefühlter Durchschnitt bei 13 %). Wenn bis dahin fast alles Spass war; hier wurde es ernst. Die Trittfrequenz wurde niedriger und pendelte sich bei 52 bis 56 Umdrehungen ein. Dafür stieg die Pulsfrequenz, die Temperatur und der Bedarf an Sauerstoff. Der Blick ging nicht mehr in die Landschaft, sondern war nach innen gerichtet. Beim Überholen musste man etws mehr Abstand halten, da einige Schlangenlinien gefahren wurden. Man konnte auch die ersten "Schicksale" beobachten. Fahrer, die sich am Straßenrand übergaben, mit Krämpfen vom Rad stiegen oder völlig eschöpft über dem Lenker hingen. Jetzt ging es darum, mit Anstand nach oben zu kommen, was nach einer gefühlten Ewigkeit auch gelang. Gemessen wuden für mich 56:59 min, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von gigantischen 11,159 km/h entsprach, aber trotzdem für den 772. Platz in dieser Bergwertung und dem 897. Platz Gesamt ausreichte. Die Abfahrt auf rund 1500 Meter "Tiefe" war rasant und ein Genuss pur. Für mich gab es hier neue Höchstgeschwindigkeiten von knapp 80 km/h. Ein irres Gefühl.

Als letzte Herausfordrung musste der Passo Falzaregio bezwungen werden.Die Steigung betrug "nur" rund 6%, aber mit 11,5 km Länge zog er sich endlos dahin. Hier merkte ich dann auch, dass die Kräfte weniger wurden. Oben angekommen freute ich mich auf die Abfahrt, die aber nach 300 Metern schon wieder vorbei war: Der Passo Valparola wollte auch noch überfahren werden; die tiroler Art der Doppelspitze. Aber dann gab es die ersehnte Abfahrt: 14 km lang, 700 Höhenmetern in rasender Abfahrt vernichtend, war es ein krönender Abschluss der Berge. Dumm nur, dass der kurze Weg von La Villa bis ins Ziel in Corvara leicht bergauf ging und wir Gegenwind hatten. Es galt, die norddeutschen Tugenden einzusetzen und mit letztem Willen gen Ziel zu strampeln. Der Endspurt im Spalier der Zuschauer ging dann wieder von ganz alleine. Das Überfahren der Ziellinie nach 6:23 h löste alle Emotionen aus: Glück, es geschafft zu haben, heile gebleibenen zu sein; Stolz, eine gute Zeit gefahren zu sein und unheimlich viel Erleichterung.

Stephan und Jens erwarteten mich bereits. Stephan hat sein Vorjahresergebniss noch mal verbessert: 6:07 h. Bei aller Freude war er aber auch ein bisschen enttäuscht. Stephan wollte doch die Marke von 6 Stunden knacken und damit ein Startplatz für 2012 sicher zu haben. Am Ende war die Freude aber größer. Unser Bergfahrer Jens war mit sich zufrieden und bereute es nicht, den Giau ausgelassen zu haben. Er bleibt ja noch für viele Touren dort unten.

In all dem Trubel gelang es uns, in der Eissportalle, in der Tausende Fahrer mit Essen und Getränken versorgt wurden, ein kleines Büro mit zwei Offiziellen zu entdecken. Auf meine Frage nach einer verlorenen Satteltasche zauberte die junge Dame Dieselbe tatsächlich hervor. Danke an den ehrlichen Findern. Das zweite Mal an diesemTag durchströmten mich Glücksgefühle.

Da ich nun auch meine Gutscheine wieder besaß, konnten wir uns in aller Ruhe mt Nudeln, Bier und Kaffe versorgen. Es war alles hervorragend organisiert. Selbst eine Windweste im bunten Dolomiti Design gab es als Belohnung.

Abends in Colfosco gab es ein gemeinsames Pizza Essen mit den bayrischen Kollegen/innen. Alle waren heile ins Ziel gekoomen, viele hatten Zeiten unter 6 Stunden und die Stimmung war ausgelassen.

Für mich war das mein erstes Mal Rad fahren im Hochgebirge und einer traumhaft schönen Landschaft. Kein Vergleich mit Malle und dem Puig Major,obwohl ich auch das unheimlich schön finde. Das ganze Rennen nicht einmal auf Tempo oder Puls (ging ja auch nicht) geschaut. Nur der Höhenmesser war im Display. Mir kommt das Bergfahren sehr entgegen, da es reiner Ausdauersport ohne hohe anaerobe Spitzen darstellt. Das möchte ich zukünftig gerne öfter machen.

Die Heimfahrt am Montag startete wieder um 5:30 Uhr. Dieses Mal führte mich mein Navi über die A9 nach Leipzig, Dresden undMagdeburg. Waren aber wieder 1080 km so dass ich um 16:15 wieder in Buchholz war.

Schade, ab heute gilt es, wieder im Alltag zu leben. Die Erinnerungen sind aber immer da und heben die Laune ganz gewaltig.

Kommentare:

  1. Herzlichen glückwunsch allen Finishern !!!

    Gruß
    Kay

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  2. Herzlichen Glückwunsch!

    Der Bericht schildert ja klasse die Emotionen und macht Lust im nächsten Jahr dabei zu sein! Aber so viel Übermut sollte wohl noch überdacht werden.

    Liebe Grüße an alle Drei!

    Matthias und Britta

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  3. Schöner Bericht!!! Und Glückwunsch zur super Zeit...
    @Stephan: Dann fallen die 6 h eben nächstes Jahr:) "Einfach" etwas langsamer angehen lassen! Dann klappts bestimmt!!!

    Viele Grüße aus München... bis bald mal wieder

    Matze

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  4. Schöner Bericht und klasse Zeiten die ihr Nordlichter gefahren seid. Nächstes Jahr kommt dann noch als Saisonhöhepunkt der Ötztaler Radmarathon ;)


    Gruß von einem Münchner Mitglied von "Liberalitas Bavarica"

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